Neulich kam eines meiner Kinder nach Hause.
Jacke aus. Schuhe irgendwo abgestreift. Schulranzen in die Ecke gepfeffert.
Und dann wurde mir das Hausaufgabenheft präsentiert.
Ein Eintrag.
„Unkonzentriert im Unterricht.
Stört teilweise den Unterricht.“
Eigentlich keine große Sache für mich.
Ein Eintrag ins Hausaufgabenheft. Na und?
Ich bin schließlich auch nicht jeden Tag konzentriert.
Manchmal schweifen meine Gedanken ab.
Manchmal ist mein Kopf voll.
Und manchmal macht mein Nervensystem einfach nicht das, was mein Terminkalender gerne hätte.
Nennt sich, glaube ich, menschlich.
Aber irgendwie blieb ich trotzdem an diesem Eintrag hängen.
Zwei Feststellungen.
Und ich suchte nach einer dritten Zeile:
Warum?
Warum ist das Kind unkonzentriert?
Warum stört es?
Was ist gerade los?
Vielleicht wäre genau diese Frage manchmal interessanter als die nächste Konsequenz.
Denn „funktioniert nicht“ beschreibt, was wir sehen.
Es erklärt noch lange nicht, was dahintersteckt.
Und dann musste ich ein bisschen schmunzeln.
Vielleicht habe ich diesen Eintrag völlig falsch gelesen.
Vielleicht stand dort zwischen den Zeilen gar nicht nur:
„Ihr Kind stört.“
Vielleicht stand dort auch:
„Liebe Eltern, ich habe heute 25 Kinder gleichzeitig versucht zu unterrichten. Eines davon hatte andere Pläne. Ich bin mit meinen pädagogischen Ideen für heute durch. Sie sind dran.“
Vielleicht ist so ein Eintrag manchmal auch der kleine, sehr höflich formulierte Hilferuf einer Lehrkraft, deren eigenes Nervensystem gerade ebenfalls Feierabend beantragt hat.
Und plötzlich sitzen da gar nicht mehr „das unkonzentrierte Kind“ und „die strenge Lehrkraft“.
Da sitzen vielleicht einfach zwei Menschen, deren Systeme gleichzeitig sagen:
„Heute ist irgendwie die Luft raus.“
Nur darf keiner von beiden das so richtig sagen.
Das Kind soll funktionieren.
Die Lehrkraft soll funktionieren.
Wir Eltern sollen funktionieren.
Und am Ende landet das Ganze im Hausaufgabenheft.
Klein. Praktisch. Mit Unterschrift der Eltern bitte.
Und genau da kam mir dieser Gedanke:
Vielleicht erziehen wir Kinder gar nicht bewusst zum Funktionieren.
Vielleicht geben wir einfach weiter, was wir selbst gelernt haben.
Konzentrier dich.
Reiß dich zusammen.
Mach keinen Fehler.
Funktioniere.
Sonst …
Denn irgendwann verschwindet das Hausaufgabenheft.
Aber dieses „Sonst …“?
Das sitzt erstaunlich gut.
Wir machen als Erwachsene einen Fehler und werden manchmal fast paranoid bei dem Gedanken daran, was jetzt alles passieren könnte.
Dabei ist noch gar nichts passiert.
Aber in unserem Kopf brennt vorsichtshalber schon mal das ganze Haus.
Und dann reden wir darüber, wie sehr wir von außen manipuliert werden.
Von Werbung.
Von Social Media.
Von Algorithmen.
Von Erwartungen.
Aber was, wenn die wirkungsvollste Manipulation irgendwann gar niemanden mehr von außen braucht?
Was, wenn unsere eigenen Gedanken den Job längst übernommen haben?
Mach keinen Fehler.
Fall nicht auf.
Enttäusch niemanden.
Reiß dich zusammen.
Funktioniere.
Vielleicht sollten wir deshalb manchmal weniger fragen:
„Wie bekommen wir dieses Kind wieder zum Funktionieren?“
Und öfter:
„Warum kann es gerade nicht?“
Denn vielleicht gilt diese Frage nicht nur für Kinder.
Vielleicht auch für Lehrkräfte.
Vielleicht sogar für uns selbst.
Und damit bleibt für mich eine Frage:
Bereiten wir Kinder eigentlich auf das Leben vor – oder auf ein Leben, in dem sie möglichst gut funktionieren?
J. Rached
ZwischenGedanken | ZwischenRaum
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