FREIHEIT.
Oder nur das, was die anderen dafür halten?
Diese Woche war ich im Park spazieren. Einfach mal raus, ein bisschen laufen, Kopf frei bekommen. Und ich hatte einen wirklich ambitionierten Plan: Ich wollte an nichts denken. Ja, ich weiß. Aber man darf ja noch Ziele haben.
Also setzte ich mich irgendwann auf eine Bank. Kein Handy. Keine To-do-Liste. Kein „Was muss ich nachher noch machen?“. Keine tiefgründigen Fragen über das Leben. Einfach sitzen. Nichts tun. Nichts denken. Herrlich.
Ungefähr zwei Minuten lang.
Tja. Das war wohl nichts.
Denn auf der Bank neben mir saßen zwei Frauen. Und bevor jetzt jemand denkt: Jasmin, man belauscht doch keine fremden Gespräche. Stimmt. Habe ich auch nicht. Ich wurde unfreiwillig zur Podcast-Teilnehmerin. Ohne Anmeldung, ohne Kopfhörer und vor allem ohne die Möglichkeit, auf „Folge überspringen“ zu drücken.
Das Thema der heutigen Folge: eine andere Frau. Was sie gemacht hatte, was sie gesagt hatte, was sie besser nicht gesagt hätte und natürlich die ausführliche Analyse dessen, was sie stattdessen hätte tun sollen. Ich kannte diese Frau nicht. Nach fünf Minuten hatte ich allerdings das Gefühl, ich müsste ihr entweder eine Nachricht schreiben oder sie zumindest vor der nächsten Folge warnen.
Und dann fiel er. Der Satz. Dieser eine Satz, der vermutlich schon ganze Familienfeiern, Freundschaften und Nachbarschaften zuverlässig am Laufen gehalten hat:
„Also ICH würde das ja niemals machen.“
Ah. Okay.
Ich musste grinsen und dachte: Da sind sie also. DIE ANDEREN. Diese mysteriöse Gruppe, wegen der wir vor Entscheidungen plötzlich überlegen: Was werden die anderen denken? Was werden die anderen sagen? Was, wenn die anderen das komisch finden?
Offenbar sitzen „die anderen“ manchmal tatsächlich einfach auf einer Parkbank. Und sie haben tatsächlich eine Meinung. Natürlich. Und offensichtlich auch nichts Besseres zu tun.
Na wunderbar.
Ich wollte eigentlich nur spazieren gehen und an nichts denken und saß plötzlich mitten in einer kostenlosen Live-Ausgabe von „Das Leben anderer Menschen – und wie ich es besser machen würde.“ Ohne Anmeldung. Ohne Abo. Und leider immer noch ohne „Folge überspringen“.
Mein Plan, den Kopf freizubekommen? Offiziell gescheitert.
Denn jetzt musste ich natürlich darüber nachdenken: Warum geben wir der Meinung anderer eigentlich so viel Platz in unserem Kopf, obwohl wir ihnen in unserem Leben niemals so viel Platz geben würden? Warum sagen wir Ja, obwohl wir Nein meinen? Warum erklären wir Entscheidungen, für die eigentlich gar kein Antrag gestellt wurde? Und warum lassen wir Dinge, die wir gerne tun würden, nur weil irgendwo jemand sitzen könnte und sagt: „Also ICH würde das ja niemals machen.“
Und vielleicht die unangenehmste Frage von allen: Warum fällt es uns manchmal leichter, uns selbst zu enttäuschen als die anderen?
Ich finde „die Leute“ sowieso faszinierend. Niemand weiß so genau, wer sie eigentlich sind, aber offenbar haben sie eine Meinung zu unserem Beruf, unserem Körper, unserer Erziehung, unserem Haus, unserem Geld, unserem Aussehen und wahrscheinlich auch dazu, wie oft man seine Bettwäsche wechseln sollte. Ganz schön engagiert. Aber wann genau haben wir denen eigentlich Stimmrecht gegeben?
Vielleicht beginnen wir etwas nicht, weil es schiefgehen könnte. Vielleicht ziehen wir etwas nicht an, obwohl wir uns darin großartig fühlen. Vielleicht sagen wir Ja, obwohl in uns alles Nein schreit. Vielleicht bleiben wir auf einem Weg, von dem wir längst wissen, dass er eigentlich nicht unserer ist – nur weil wir schon hören können, was „die anderen“ sagen würden, wenn wir plötzlich abbiegen.
Wie viele Entscheidungen würden wir eigentlich anders treffen, wenn niemand zuschauen, kommentieren oder urteilen würde?
Und hier kommt die schlechte Nachricht: Sie werden sowieso etwas sagen.
Du kündigst deinen sicheren Job? „Also ICH würde diese Sicherheit ja niemals aufgeben.“ Du bleibst? „Man muss sich doch auch mal etwas trauen.“ Du arbeitest viel? „Und wann lebst du eigentlich?“ Du arbeitest weniger? „Willst du denn gar nichts aus dir machen?“
Wie man's macht, macht man's falsch. Zumindest, wenn man vorher alle anderen fragt.
Irgendwo sitzt nämlich immer jemand, der unser Leben anders führen würde. Was praktisch ist. Denn dieser Mensch hat ja auch ein eigenes. Vielleicht sollte er sich darum kümmern.
Und genau da kam mir auf dieser Bank noch ein anderes Wort in den Kopf:
Freiheit.
Wir reden ziemlich viel darüber. Wir wollen frei sein, frei leben, frei entscheiden. Und wenn wir an Freiheit denken, denken wir vielleicht an genug Geld, um uns keine Gedanken machen zu müssen. An Reisen. An spontan ins Auto steigen und einfach losfahren. An einen Dienstagmorgen irgendwo am Meer, während der Rest der Welt gerade im Stau steht.
Zugegeben: Klingt nicht schlecht.
Aber was ist Freiheit eigentlich?
Alles haben zu können, was wir wollen? Überall hinreisen zu können? Niemandem Rechenschaft schuldig zu sein?
Oder beginnt Freiheit vielleicht viel früher?
Vielleicht genau dort, wo wir aufhören, für jede Entscheidung die Zustimmung anderer zu brauchen.
Vielleicht ist Freiheit auch ein Nein.
Ein ganz einfaches: „Nein, möchte ich nicht.“ Ohne dreiseitige Begründung. Ohne schlechtes Gewissen. Ohne anschließend drei Stunden darüber nachzudenken, ob jetzt jemand beleidigt ist.
Denn wie frei bin ich eigentlich, wenn ich Nein denke, aber Ja sage, damit niemand schlecht von mir denkt?
Vielleicht ist Freiheit, etwas zu tun, weil ich es möchte – und nicht, weil es gerade alle machen. Und genauso etwas nicht zu tun, obwohl alle anderen finden, dass ich es unbedingt tun sollte. Vielleicht ist Freiheit sogar, die eigene Meinung zu ändern. Heute Ja zu sagen und morgen festzustellen: Passt doch nicht zu mir.
Und dann wird es interessant.
Eine Frau kleidet sich freizügig? Ihre Entscheidung. Ihre Freiheit. Eine andere Frau entscheidet sich bewusst dafür, sich zu bedecken? Und plötzlich meinen manche, darin könne keine Freiheit liegen.
Moment mal.
Seit wann entscheidet eigentlich die Menge an Stoff darüber, wie frei eine Frau ist?
Und wer hat überhaupt das Recht festzulegen, wie Freiheit auszusehen hat?
Vielleicht ist die Frau im kurzen Kleid frei. Vielleicht ist die Frau, die sich bedeckt, genauso frei. Und vielleicht ist keine von beiden frei, wenn andere darüber bestimmen, was sie tragen soll.
Vielleicht erkennt man Freiheit nicht an der Länge eines Rockes – sondern daran, wer entschieden hat, ihn zu tragen.
Denn Freiheit, die nur dann als Freiheit gilt, wenn sie unserer eigenen Vorstellung entspricht, ist irgendwie eine ziemlich merkwürdige Freiheit.
Oder anders gesagt:
„Du kannst machen, was du willst – solange ich es gut finde.“
Klingt plötzlich gar nicht mehr so frei, oder?
Ist das Freiheit – oder nur Zustimmung mit Bedingungen?
Vielleicht bedeutet Freiheit eben nicht, immer alles haben oder alles tun zu können. Vielleicht bedeutet sie viel öfter: Ich darf entscheiden, was zu mir passt. Ich darf Nein sagen. Ich darf meine Meinung ändern. Ich darf einen anderen Weg nehmen. Ich darf etwas mögen, das du nicht verstehst. Ich darf etwas ablehnen, das du großartig findest. Und ich darf mein Leben anders führen als du, ohne dass deine Freiheit dadurch kleiner wird.
Vielleicht ist das sogar die schwierigste Form von Freiheit: Nicht nur selbst frei sein zu wollen, sondern auszuhalten, dass ein anderer Mensch seine Freiheit anders lebt als wir.
Und plötzlich war ich gedanklich wieder bei den beiden Frauen neben mir und ihrem: „Also ICH würde das ja niemals machen.“
Vielleicht musst du das auch gar nicht.
Vielleicht reicht es vollkommen, wenn sie es machen möchte.
Und jetzt wird es leider ein bisschen unangenehm. Denn während ich da saß und innerlich über meinen Gratis-Podcast schmunzelte, musste ich mir eingestehen: Ich bin manchmal auch „die anderen“.
Wir alle sind es. Wir schauen, wir vergleichen, wir denken uns unseren Teil und vielleicht sagen wir selbst manchmal: „Also ich hätte das ja anders gemacht.“ Und fünf Minuten später stehen wir vor unserem eigenen Leben und haben Angst davor, dass jemand genau dasselbe über uns sagt.
Schon irgendwie absurd, oder?
Wir beurteilen andere und haben gleichzeitig Angst davor, beurteilt zu werden.
Vielleicht sollten wir uns deshalb viel öfter eine ziemlich einfache Frage stellen:
Treffe ich diese Entscheidung gerade, weil sie zu mir passt – oder weil ich möchte, dass sie für die anderen gut aussieht?
Vielleicht geht es nämlich gar nicht darum, dass uns die Meinung anderer völlig egal sein muss. Natürlich wollen wir gemocht werden. Natürlich wollen wir dazugehören. Natürlich kann Kritik wehtun. Aber es gibt einen gewaltigen Unterschied zwischen „Mir ist wichtig, was andere von mir denken“ und „Ich lasse andere entscheiden, wie ich mein Leben führe.“
Die anderen dürfen reden. Sie dürfen diskutieren. Sie dürfen analysieren. Sie dürfen auf einer Parkbank sogar eine komplette Sonderfolge über uns aufnehmen. Nur leben müssen sie unsere Entscheidungen nicht. Das müssen wir.
Vielleicht müssen deshalb auch gar nicht alle verstehen, warum wir einen bestimmten Weg gehen. Vielleicht reicht es, wenn wir selbst wissen, warum wir ihn gehen.
Denn während wir versuchen, bloß keinen Gesprächsstoff zu liefern, könnte etwas viel Schlimmeres passieren: Wir könnten irgendwann feststellen, dass wir unser Leben so gelebt haben, dass es für alle anderen gepasst hat – nur nicht für uns.
Ich ging irgendwann von meiner Bank nach Hause. Mein Kopf? Nicht frei. Mein Plan, an nichts zu denken? Katastrophal gescheitert. Stattdessen hatte ich zwei fremde Frauen, „die anderen“, Freiheit und vermutlich die halbe Gesellschaft darin sitzen.
Entspannter Spaziergang. Läuft bei mir.
Aber immerhin hatte ich eine neue Kolumne.
Vielleicht war der Podcast also doch nicht ganz umsonst.
Und eine Frage ist geblieben:
Und wenn du wirklich frei entscheiden könntest – wie viel von deinem heutigen Leben würdest du genauso noch einmal wählen?
Eine Kolumne von J. Rached
ZwischenRaum – Die Kolumne zwischen den Antworten.
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