Wer hat eigentlich entschieden, wann es gut genug ist ?

Veröffentlicht am 27. September 2026 um 10:00

 

Wann ist eigentlich gut genug?

ZwischenRaum – Die Kolumne zwischen den Antworten.
Eine Kolumne von J. Rached

Ich schreibe jetzt Bücher. Punkt.

Eigentlich könnte man das so stehen lassen. Könnte. Wenn da nicht gleich die Fragen kämen: „Wie, das auch noch? Ist das nicht alles zu viel?“ Nö. Ich mache das gern. Ich schreibe diese Kolumne und Bücher, arbeite in meiner Praxis und mache noch andere Sachen, von denen ihr noch gar nichts wisst. Und ja, das geht wunderbar.

Trotzdem saß ich neulich nach einem Gespräch im Auto und dachte nur noch darüber nach, was ich verbessern sollte. Was fehlte. Was nicht reichte. Ich war mit Freude hingefahren und kam mit Hausaufgaben zurück. Hatte ich unterwegs eine Prüfung abgelegt, zu der mich niemand angemeldet hatte?

Und dann dieser Satz: „Mach doch lieber eine Sache, aber die richtig.“ Ähm, okay. Offenbar gibt es eine Formel dafür, wie man alles richtig macht. Wo kann ich die nachlesen? Und bevor ich mich daran halte: Ist das dann auch mein Richtig – oder nur das meines Gegenübers?

Natürlich höre ich mir Kritik an. Ich möchte wissen, wenn ich etwas übersehen habe. Ich höre zu, denke nach und entscheide selbst, was ich annehme. Ich hatte um Rückmeldung gebeten, nicht den Posten als Geschäftsführer meines Kopfes ausgeschrieben.

Nur hatte die fremde Meinung dort bereits Platz genommen. Kennt ihr das? Eben war etwas noch genau richtig. Dann sagt jemand „Also, ich hätte ja …“, und plötzlich betrachten wir unser Leben, als müsste dringend jemand mit Werkzeug kommen.

Die Küche ist gemütlich. Bis jemand fragt, ob wir die nicht langsam erneuern wollen. Wir fühlen uns wohl. Bis ein prüfender Blick an uns herunterwandert. Das Kind entwickelt sich in seinem Tempo. Bis jemand erzählt, was das eigene in diesem Alter schon konnte. Vermutlich fließend Französisch und die Steuererklärung. Man wollte eigentlich nur Kaffee trinken. Jetzt braucht man offenbar einen Förderplan.

Niemand muss ausdrücklich sagen, dass etwas nicht reicht. „Willst du nicht noch …?“ genügt. Mehr arbeiten. Weniger arbeiten. Selbstbewusst sein, ohne sich zu wichtig zu nehmen. Und bloß nicht allen gefallen wollen. Außer natürlich der Person, die einem das gerade erklärt.

Warum verwechseln wir einen überzeugten Ton so gern mit einem überzeugenden Argument? Vielleicht weiß der andere mehr. Vielleicht hört er sich aber auch einfach gern reden. Ich kenne das. Ich schreibe sogar eine Kolumne. Auch ich habe bestimmt schon ungefragt Ratschläge verteilt. Aber vertrage ich es, wenn jemand meinen Rat hört und anders entscheidet? Oder war die Empfehlung eine Anweisung mit netter Verpackung?

Ein ehrlicher Hinweis darf unbequem sein. Doch zwischen „Da ist ein Fehler“ und „Das gefällt mir persönlich nicht“ liegt ein Unterschied. Was würde durch die Änderung besser? Und für wen? Mein Leben muss schließlich nicht so eingerichtet sein, dass jeder Besucher sofort darin wohnen möchte.

Trotzdem räumen wir innerlich um. Hier weniger ich, dort mehr Zustimmung. Passt es jetzt? Und wie geht es uns eigentlich dabei? Macht uns das zufriedener – oder nur müder? Ich jedenfalls finde es auf Dauer ziemlich anstrengend, gleichzeitig ich selbst und meine eigene Qualitätskontrolle zu sein.

Und irgendwann stehen wir in einem Leben, an dem alle mitgestaltet haben, und fühlen uns darin fremd. Immerhin waren die anderen zufrieden. Sie müssen mit dem Ergebnis allerdings nicht jeden Morgen aufstehen.

Wann wäre es denn genug? Wenn niemand mehr etwas auszusetzen hat? Viel Glück. Dem einen bist du zu laut, dem nächsten zu still. Zu ehrgeizig oder unter deinen Möglichkeiten. Offenbar gibt es keine Version von uns, die überall begeistertes Nicken auslöst. Wie unpraktisch. Dann müssten wir ja selbst entscheiden, was zu uns passt.

Auf meiner Rückfahrt konnte ich das Gespräch nicht mehr ändern. Aber ich konnte aufhören, aus jedem Hinweis einen Auftrag zu machen. Einiges nehme ich mit. Anderes darf bleiben, wo es herkommt. Meine Freude hätte ich nämlich gern zurück.

Was wäre eigentlich so unverschämt daran, mit sich zufrieden zu sein, während andere noch Verbesserungsvorschläge sammeln?

 

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