Was nicht passt, wird passend gemacht. Wirklich ?

Veröffentlicht am 13. September 2026 um 10:00

ZwischenRaum

Was nicht passt, wird passend gemacht. Wirklich?

Letztens saß ich in meiner Praxis und wollte noch schnell einen Artikel zu Ende lesen. 

„Noch schnell“ ist übrigens eine dieser kleinen Lügen, die wir uns im Alltag erstaunlich überzeugend erzählen. Noch schnell eine Mail beantworten, noch schnell etwas nachschauen, noch schnell dies und das erledigen – und irgendwann schauen wir auf die Uhr und fragen uns, warum eigentlich schon wieder Abend ist.

Jedenfalls blieb ich beim Lesen an einem Satz hängen:

„Was nicht passt, wird passend gemacht.“

Ich las ihn noch einmal.

Was nicht passt, wird passend gemacht.

Wirklich?

Irgendetwas störte mich plötzlich an diesem Satz. Vielleicht, weil er so selbstverständlich klingt. Fast wie eine Anweisung, die irgendwann irgendjemand ausgesprochen hat und seitdem keiner mehr gefragt hat, ob wir damit eigentlich einverstanden sind.

Passt nicht?

Dann mach es passend.

Moment mal.

Wer hat das eigentlich beschlossen?

Und noch interessanter:

Wer hat das für uns beschlossen?

Warum muss etwas, das nicht in unsere Vorstellung passt, überhaupt passend gemacht werden? Wer sagt denn, dass unsere Vorstellung automatisch die richtige ist? Und woher nehmen wir eigentlich dieses beeindruckende Selbstbewusstsein, dass etwas funktionieren muss, nur weil wir beschlossen haben, dass es so funktionieren soll?

Ich wollte mir die Stelle markieren und suchte meinen Textmarker.

Der lag natürlich nicht da, wo ein vernünftiger Textmarker liegen sollte.

Also ging ich zu meiner Schublade, zog sie auf und da war es:

das blanke Chaos.

Stifte, Zettel, Büroklammern, Kabel und diverse Gegenstände, die irgendwann offenbar wichtig genug waren, um aufgehoben zu werden, deren genaue Funktion inzwischen aber unter ungeklärten Umständen verloren gegangen war.

Ihr kennt diese Schublade.

Fast jeder hat eine.

Von außen völlig unauffällig.

Von innen:

Bitte keine Fragen.

Ich suchte meinen Textmarker und fand stattdessen drei Kugelschreiber, die nicht mehr schrieben, ein Kabel ohne erkennbaren Lebenszweck und dieses eine kleine Teil, bei dem kein Mensch weiß, wozu es gehört, das man aber selbstverständlich nicht wegwerfen darf.

Denn wir wissen alle:

Wirft man es heute weg, braucht man es Donnerstag.

Aus „Ich suche kurz einen Textmarker“ wurde also ziemlich schnell „Ich räume jetzt diese Schublade auf.“

Das eskalierte.

Irgendwann war tatsächlich Ordnung drin. Dinge hatten wieder einen Platz, einiges flog raus und – Überraschung – ganz unten fand ich sogar meinen Textmarker.

Für ungefähr drei Minuten stellte sich dieses herrliche Gefühl ein, das eine aufgeräumte Schublade bei erwachsenen Menschen offenbar auslösen kann:

Läuft.

Schublade ordentlich.

Leben vermutlich ebenfalls.

Man wird ja bescheiden.

Ich schob sie zu.

Sie klemmte.

Natürlich.

Also wieder auf. Etwas nach links geschoben, etwas nach hinten gelegt, wieder zu.

Sie klemmte noch immer.

Und was machen wir vernünftigen Menschen, wenn etwas offensichtlich nicht passt?

Natürlich. - Wir drücken fester.

Warum auch nachsehen, wenn man das Problem zunächst mit mehr Druck lösen kann?

Noch ein Versuch. Noch ein bisschen Kraft. - Das MUSS doch passen.

Und wenn es dann immer noch nicht funktioniert?

Mehr davon.

Man muss Probleme schließlich nur lange genug unter Druck setzen, bis sie sich ihrer Verantwortung bewusst werden.

Oder?

Während ich da in meiner Praxis stand und langsam einen persönlichen Machtkampf mit einem Möbelstück führte, fiel mein Blick auf den Textmarker.

Da war er wieder.

Dieser Satz.

Was nicht passt, wird passend gemacht.

Nur ging es plötzlich gar nicht mehr um die Schublade.

Denn machen wir das mit unserem Leben nicht erstaunlich ähnlich?

Wir haben ziemlich genaue Vorstellungen davon, wie etwas zu laufen hat. Wie eine Beziehung aussehen soll, wie Familie funktioniert, wo wir beruflich stehen sollten, was wir bis zu einem bestimmten Alter erreicht haben wollten und wer wir inzwischen eigentlich sein müssten.

Wir planen, sortieren, rechnen, erwarten.

Und dann kommt das Leben.

Und sagt:

Nö.

Nicht so.

Nicht jetzt.

Vielleicht gar nicht.

Ziemlich unhöflich.

Vor allem, weil es vorher selten einen Termin zur Abstimmung vereinbart.

Und was machen wir?

Wir drücken.

Wir versuchen es noch einmal, halten länger durch, investieren mehr Kraft, passen uns an und denken:

Das muss doch irgendwie funktionieren.

Aber muss es das?

Was, wenn nicht alles, was nicht passt, ein Problem ist?

Vielleicht passt manches einfach nicht.

Oder nicht mehr.

Oder noch nicht.

Und genau da wird es unangenehm. Denn woher wissen wir eigentlich, wann Durchhalten Stärke ist – und wann wir nur noch drücken, weil wir nicht wahrhaben wollen, dass sich etwas verändert hat?

Wir wachsen schließlich unser ganzes Leben aus Dingen heraus. Aus Schuhen und Jeans sowieso, aber auch aus Vorstellungen, Gewohnheiten, Rollen, Freundschaften, Beziehungen, Berufen und manchmal sogar aus einer Version von uns selbst, die jahrelang ziemlich gut zu uns gepasst hat.

Bei Kindern akzeptieren wir das völlig selbstverständlich.

Wenn ein Kind aus seinen Schuhen herausgewachsen ist, sagt schließlich niemand:

„Der Schuh war teuer. Versuch bitte, deine Füße wieder kleiner zu machen.“

Wir kaufen größere Schuhe.

Bei uns selbst sind wir da deutlich kreativer.

Da versuchen wir erstaunlich häufig erst einmal, wieder hineinzupassen.

Ein bisschen weniger brauchen. Ein bisschen mehr aushalten. Nicht so empfindlich sein. Noch flexibler werden. Noch ein bisschen länger durchhalten.

Schließlich hat es früher doch auch funktioniert.

Ja. Früher.

Meine Jeans von 2007 hat früher übrigens auch gepasst. Daraus ergibt sich trotzdem keine moralische Verpflichtung, heute wieder hineinzupassen.

Warum akzeptieren wir bei einer Jeans problemlos, dass sich etwas verändert hat – und machen bei unserem Leben daraus so schnell ein persönliches Versagen?

Seit wann bedeutet „Es passt nicht mehr“ eigentlich „Es war falsch“?

Vielleicht war es richtig.

Für damals.

Vielleicht der Job. Der Mensch. Die Entscheidung. Der Traum. Der Weg.

Und vielleicht darf etwas, das einmal genau richtig war, irgendwann trotzdem nicht mehr passen.

Das macht gestern nicht falsch. Es macht heute nur anders.

Vielleicht halten wir manchmal aber auch gar nicht fest, weil etwas noch so wunderbar zu uns passt.

Vielleicht halten wir fest, weil wir schon so verdammt viel hineingesteckt haben.

Zeit. Kraft. Hoffnung. Gefühle.

Und dann soll das bitte auch etwas gebracht haben.

Wir sind schließlich nicht den halben Weg gelaufen, um jetzt festzustellen, dass wir möglicherweise in die falsche Richtung unterwegs sind.

Also laufen wir weiter.

Logisch.

Oder?

Seit wann wird eine falsche Richtung richtiger, nur weil wir schon besonders lange in sie gelaufen sind?

Was wäre, wenn wir feststellen, dass wir gar nicht mehr weitermachen, weil wir es noch wollen – sondern weil wir schon so viel investiert haben?

Wie oft sagen wir „Jetzt kann ich doch nicht aufgeben“, obwohl wir vielleicht längst „Eigentlich will ich das gar nicht mehr“ meinen?

Und wenn wir heute noch einmal ganz am Anfang stünden – ohne all die investierte Zeit, ohne die Mühe, ohne das „Jetzt habe ich schon so viel dafür getan“:

Würden wir uns noch einmal dafür entscheiden?

Gemeine Frage.

Ich weiß.

Denn dann gibt es noch die Dinge, die wir wirklich wollen – und die trotzdem einfach nicht funktionieren.

Wir planen, hoffen, investieren und sind uns ziemlich sicher, dass genau dort unser Weg entlangführen soll.

Und dann:

Tür zu.

Plan geplatzt.

Absage.

Falscher Zeitpunkt.

Jemand entscheidet anders.

Oder das Leben biegt einfach links ab, obwohl wir ziemlich eindeutig rechts geblinkt haben.

Und natürlich denken wir in solchen Momenten nicht:

Ach, wunderbar. Bestimmt erwartet mich irgendwo eine wertvolle Lektion.

Nein.

Wir denken:

Das darf doch jetzt nicht wahr sein.

Auch bei mir laufen Dinge anders, als ich sie geplant habe. Manches klappt trotz Mühe nicht und manchmal würde ich das Leben gerne kurz zur Seite nehmen und fragen:

„Entschuldigung, wir hatten das aber anders besprochen.“

Nur scheint das Leben bei diesen Besprechungen regelmäßig zu fehlen.

Und dann können wir uns ärgern, die Situation nachts noch fünfzehnmal durchdenken, sämtliche Was-wäre-wenn-Szenarien durchspielen und unser Nervensystem gleich mit zur Krisensitzung einladen.

Die Situation verändert sich dadurch meistens exakt:

null.

Unser Puls dagegen zeigt beeindruckendes Engagement.

Irgendwann bleibt nur:

Okay. Es ist jetzt so.

Nicht schön. Nicht geplant. Ganz sicher nicht das, was wir bestellt hatten.

Aber es ist da.

Oder eben nicht mehr da.

Und auch dafür haben wir einen dieser wunderbar praktischen Sätze:

„Was weg ist, ist weg.“

Ach so.

Na dann.

Problem gelöst.

Ein Mensch ist weg. Eine Beziehung. Ein Job. Eine Möglichkeit. Ein Plan. Vielleicht sogar die Vorstellung davon, wie unser Leben einmal aussehen sollte.

Was weg ist, ist weg.

Deckel drauf.

„Muss man abhaken.“

„Weiter geht’s.“

Und wenn wir besonders tiefgründig unterwegs sind:

„Wird schon seinen Grund haben.“

Vier Sätze.

Leben erledigt.

Wenn es so einfach wäre, bräuchten wir vermutlich weder schlaflose Nächte noch Gespräche mit Freunden, die zum fünften Mal mit „Ich weiß, aber …“ anfangen.

Warum lieben wir eigentlich Antworten, die schneller sind als unsere Gefühle?

Nur weil etwas weg ist – ist es deshalb auch vorbei?

Unser Kopf scheint diese Regel jedenfalls nicht unterschrieben zu haben. Der holt Dinge, die längst „abgehakt“ sind, mit beeindruckender Zuverlässigkeit wieder hervor.

Besonders gerne nachts.

Weißt du noch?

Ja.

Danke.

Fast hätte ich mich entspannt.

Vielleicht mögen wir diese schnellen Floskeln deshalb so sehr, weil sie Ordnung versprechen.

Was nicht passt, wird passend gemacht.

Was weg ist, ist weg.

Abhaken.

Loslassen.

Weitermachen.

Alles klingt nach Bewegung.

Aber wohin eigentlich?

Und wovor laufen wir so schnell weg?

Vor der Enttäuschung? Vor dem Gedanken, dass wir uns vielleicht geirrt haben? Vor der Möglichkeit, dass unser schöner Plan eben doch nicht funktioniert?

Oder vor diesem verdammt unbequemen Ort, an dem das Alte nicht mehr passt und das Neue noch keine Ahnung hat, dass es überhaupt kommen soll?

Vielleicht nennen wir es „weitermachen“, obwohl wir manchmal einfach nur ziemlich elegant davonlaufen.

Vielleicht laufen wir gar nicht auf etwas Neues zu.

Vielleicht laufen wir nur möglichst schnell weg vom Dazwischen.

Und genau da sind wir.

Willkommen im ZwischenRaum.

Dort, wo etwas nicht mehr passt, wir aber noch nicht wissen, was stattdessen passt.

Wo etwas weg ist, aber innerlich noch lange nicht verschwunden.

Wo eine Tür zu ist und die nächste noch nicht einmal zu sehen.

Keine Antwort. Kein neuer Plan. Keine hübsche Erklärung. Nicht einmal einen Satz, den man sich mit einem Textmarker anstreichen könnte.

Und wie gut können wir das eigentlich aushalten?

Nicht wissen.

Nicht sofort entscheiden.

Nicht sofort ersetzen.

Nicht sofort weitermachen.

Was würden wir vielleicht bemerken, wenn wir nicht sofort wieder losrennen?

Wir wollen Klarheit. Sicherheit. Eine Erklärung. Einen Sinn. Hauptsache irgendetwas, das uns wieder dieses beruhigende Gefühl gibt:

Jetzt weiß ich, wo es langgeht.

Aber was, wenn wir es gerade eben nicht wissen?

Müssen wir wirklich aus jedem gescheiterten Plan eine Lebenslektion basteln?

Nicht jede geschlossene Tür bewahrt uns vor etwas.

Nicht jedes Nein ist ein Zeichen.

Manche Türen sind vielleicht einfach zu.

Unhöflich, aber möglich.

Und trotzdem kennen wir wahrscheinlich alle diese Momente, in denen wir Jahre später zurückblicken und denken:

Zum Glück hat das damals nicht geklappt.

Der Mensch, von dem wir überzeugt waren, dass er bleiben muss. Der Job, den wir unbedingt wollten. Der Plan, der auf keinen Fall scheitern durfte. Die Tür, die partout nicht aufging.

Damals fühlte es sich nicht nach Glück an.

Und heute?

Heute würden wir manches vielleicht nicht einmal mehr wollen, wenn es plötzlich mit Schleife vor unserer Tür stünde.

Schon verrückt.

Wir können heute verzweifelt versuchen, etwas passend zu machen, von dem unser zukünftiges Ich vielleicht irgendwann sagt:

„Zum Glück ging diese Schublade damals nicht zu.“

Nur wissen wir das heute eben nicht.

Und vielleicht ist genau das diese verdammte Lücke zwischen dem, was wir heute wissen, und dem, was wir vielleicht irgendwann verstehen.

Der ZwischenRaum.

Vielleicht ist er gar nicht dazu da, möglichst schnell überwunden zu werden.

Vielleicht ist er auch nicht der Ort, an dem uns jemand sagt:

Bleib.

Oder:

Geh.

Vielleicht ist er einfach der Ort, an dem wir aufhören, uns mit schnellen Antworten selbst zu überholen.

Meine Schublade ging übrigens irgendwann zu.

Ganz hinten hatte sich nur ein kleines Teil quergestellt.

Ich hätte also noch eine ganze Weile drücken können. Vermutlich hätte irgendwann tatsächlich etwas nachgegeben.

Die Frage ist nur:

Was?

Die Schublade?

Das kleine Teil?

Oder meine Nerven?

Ich musste sie wieder öffnen. Hinsehen. Neu sortieren.

Und plötzlich ging sie zu.

Nicht, weil ich stärker gedrückt hatte.

Sondern weil ich aufgehört hatte, darauf zu bestehen, dass es genau so funktionieren muss, wie ich es mir vorgestellt hatte.

Seitdem finde ich diese schnellen Sätze ein bisschen verdächtiger.

Was nicht passt, wird passend gemacht.

Was weg ist, ist weg.

Muss man abhaken.

Weiter geht’s.

Vielleicht.

Manchmal.

Aber vielleicht müssen wir nicht immer sofort passend machen, abhaken oder weitergehen.

Vielleicht dürfen wir auch einmal dort bleiben, wo es unbequem wird.

Zwischen „Es hat doch immer gepasst“ und „Vielleicht passt es nicht mehr.“

Zwischen „Ich gebe nicht auf“ und „Warum halte ich eigentlich noch fest?“

Zwischen „Was weg ist, ist weg“ und „Warum beschäftigt es mich dann noch?“

Zwischen dem Plan, den wir hatten, und dem Leben, das sich offenbar nicht verpflichtet fühlt, ihn einzuhalten.

ZwischenRaum eben.

Vielleicht brauchen wir dort nicht immer sofort eine Antwort.

Vielleicht reicht manchmal eine Frage.

Wie viel von deinem Leben passt wirklich zu dir – und wie viel davon hast du nur passend gemacht?

Eine Kolumne von J. Rached
ZwischenRaum – Die Kolumne zwischen den Antworten.

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Kommentare

Maham Hussain
Vor 11 Tage

Absolut treffend beschrieben!