Bloß nichts riskieren. Könnte ja gutgehen.
ZwischenRaum – Die Kolumne zwischen den Antworten.
Eine Kolumne von J. Rached
Ich erzählte neulich jemandem von einer neuen Idee. Von einer dieser Ideen, bei denen man selbst schon ein bisschen grinst, während man davon erzählt. Noch nicht komplett durchgeplant, noch keine Strategie, kein Plan B und schon gar keine Excel-Tabelle. Ich war ungefähr drei Sätze weit. Dann kam sie: „Und was machst du, wenn das nicht funktioniert?“ Ach so. Ich hatte gerade noch darüber nachgedacht, wie ich anfangen könnte. Mein Gegenüber war gedanklich offenbar schon bei der Beerdigung meiner Idee. Blumen links. Beileidskarten rechts. Und auf dem Grabstein: SIE HAT ES WENIGSTENS VERSUCHT. Schön. Nicht einmal richtig angefangen und innerlich wurde schon der Trauerkaffee bestellt.
Und genau da musste ich mich fragen: Warum eigentlich? Warum ist unsere erste Reaktion auf etwas Neues so oft nicht: „Und wenn es richtig gut wird?“ Sondern: „Und wenn es schiefgeht?“ Wann haben wir angefangen, bei neuen Ideen zuerst nach dem Notausgang zu suchen? Wir wollen wissen, ob die Beziehung hält, bevor wir uns wirklich einlassen. Ob der neue Job besser ist, bevor wir den alten verlassen. Ob jemand unser Buch lesen wird, bevor wir die erste Seite schreiben. Ob sich eine Idee lohnt, bevor wir ihr überhaupt eine Chance geben. Und natürlich nennen wir das nicht Angst. Bitte. Wir sind Erwachsene. Wir nennen das „vernünftig sein“. Klingt gleich viel besser.
Dabei frage ich mich: Ist Kontrolle manchmal einfach nur Angst mit gutem Make-up? Denn Angst kommt selten dramatisch durch die Tür und ruft: „Hallo, ich bin’s! Ich verhindere heute dein Leben!“ Das wäre wenigstens ehrlich. Nein, Angst ist subtiler. Sie setzt sich neben dich, schlägt die Beine übereinander und sagt: „Ich würde einfach noch ein bisschen warten.“ Oder: „Denk lieber noch einmal darüber nach.“ Und mein persönlicher Liebling: „Sei realistisch.“ Dieses kleine Wort hat wahrscheinlich schon mehr Ideen beerdigt als so mancher tatsächliche Misserfolg.
Also planen wir. Prüfen. Vergleichen. Googeln. Fragen andere Menschen. Dann fragen wir noch andere Menschen, ob die ersten Menschen überhaupt recht hatten. Und irgendwann haben wir zwölf Meinungen, drei Listen, leichte Kopfschmerzen – und exakt nichts getan. Aber hey: wenigstens keinen Fehler gemacht. Vielleicht ist genau das unser Problem. Wir behandeln Fehler wie kleine persönliche Skandale. Du hast dich geirrt? Wie unangenehm. Du hast deine Meinung geändert? Verdächtig. Du hast etwas angefangen und wieder aufgehört? Skandal. Holt die Nachbarn.
Dabei gibt es Entscheidungen, bei denen ich heute selbst denke: Jasmin. Was genau war da eigentlich dein Plan? Die ehrliche Antwort? Keine Ahnung. Offenbar hatte ich einen. Er war nur nicht besonders gut. Und trotzdem ist etwas Erstaunliches passiert: Die Erde dreht sich noch. Niemand hat mir meinen Erwachsenenstatus aberkannt. Es kam auch keine Durchsage: „Achtung. Frau Rached hat eine falsche Entscheidung getroffen. Bitte halten Sie ausreichend Abstand.“ Nichts. Das Leben ging einfach weiter.
Und vielleicht müssen wir auch nicht aus jedem Fehler anschließend eine wunderschöne Lebenslektion basteln. Dieses ewige: „Heute weiß ich, dass alles genau so kommen musste.“ Wissen wir das wirklich? Manchmal war es vielleicht einfach Mist. Manchmal haben wir dem falschen Menschen vertraut, zu lange gewartet, zu schnell Ja gesagt oder etwas gekauft, bei dem selbst der Kleiderschrank später dachte: Ernsthaft? Manche Entscheidungen waren einfach schlecht. Na und? Seit wann muss ein gelebtes Leben eigentlich aussehen wie ein lückenlos optimierter Lebenslauf?
Vielleicht haben wir nämlich gar nicht so große Angst vor dem Scheitern. Vielleicht haben wir Angst davor, beim Scheitern gesehen zu werden. Vor diesem wunderbaren Satz: „Hab ich dir doch gesagt.“ Denn wer nichts versucht, kann schließlich auch nicht öffentlich scheitern. Sehr clever. Man kann sein ganzes Leben am Beckenrand sitzen und stolz erzählen: „Ich bin noch nie untergegangen.“ Stimmt. Geschwommen bist du allerdings auch nicht.
Und irgendwann bekommt Kontrolle einen ziemlich hohen Preis. Dann entstehen diese Sätze: „Eigentlich wollte ich damals …“ Eigentlich wollte ich schreiben. Eigentlich wollte ich mich bewerben. Eigentlich wollte ich gehen. Eigentlich wollte ich anfangen. Eigentlich. Ein winziges Wort für erstaunlich viel ungelebtes Leben.
Vielleicht liegt genau dort der ZwischenRaum. Zwischen „Was, wenn es schiefgeht?“ und „Was, wenn ich es nie herausfinde?“ Zwischen Kontrolle und Vertrauen. Zwischen Angst und Neugier. Zwischen unserem Wunsch nach Sicherheit und der ziemlich unbequemen Erkenntnis, dass das Leben nun einmal keinen Garantieschein mitliefert.
Vielleicht brauchen wir deshalb gar nicht weniger Fehler. Vielleicht brauchen wir weniger Angst davor, welche zu machen. Fehler sind manchmal nichts anderes als der Beweis dafür, dass wir nicht nur am Rand gestanden und zugeschaut haben. Und vielleicht ist ein Leben mit ein paar Kratzern, Umwegen und Geschichten am Ende sogar schöner als eines, das makellos geblieben ist, weil wir es nie aus der Verpackung genommen haben.
Und so frage ich mich:
Wie viel von dem, was wir Kontrolle nennen, ist eigentlich Angst – und wie viel Leben verpassen wir, weil wir auf den Moment warten, in dem wir keine mehr haben?
ZwischenRaum – Die Kolumne zwischen den Antworten.
J. Rached
Kommentar hinzufügen
Kommentare