Echt jetzt? Was ist eigentlich aus ganz normalem Essen geworden?
ZwischenRaum – Die Kolumne zwischen den Antworten.
Eine Kolumne von J. Rached
Diese Woche stand ich im Supermarkt und wollte eigentlich nur etwas fürs Abendessen kaufen. Nichts Besonderes. Kein Detox, kein Reset und ganz sicher keinen „Neustart für meinen Stoffwechsel“. Einfach Essen. Ich nahm eine Packung in die Hand, drehte sie um und las die Zutatenliste. Dann noch einmal. Nicht, weil sie so spannend war, sondern weil ich ungefähr bei Zutat Nummer acht aufgehört hatte zu verstehen, was ich da eigentlich kaufen wollte. Und da stand ich zwischen „natürlich“, „proteinreich“ und „mit verbesserter Rezeptur“ und dachte: Seit wann braucht man für Abendessen eigentlich einen Übersetzer?
Wir reden heute unglaublich viel über Ernährung. Eiweiß, Kohlenhydrate, Blutzucker, Darm, Fasten, Superfoods, Makros, Mikros. Irgendwo dazwischen scheint etwas ziemlich Banales verloren gegangen zu sein: Essen. Ein Apfel braucht keine Werbekampagne. Eine Kartoffel hat keine Zutatenliste. Eine Karotte wirbt nicht mit „ballaststoffreich“ und eine Gurke hat noch nie ihre Rezeptur verbessert. Sie liegen einfach da. Fast schon verdächtig unspektakulär.
Vielleicht ist genau das ihr Problem. Denn „einfach“ verkauft sich offenbar schlecht. Heute muss angereichert, aromatisiert, pulverisiert, gepufft und anschließend groß „natürlich“ auf die Verpackung geschrieben werden. Ich liebe dieses Wort. Natürlich. Wenn es vorne groß genug draufsteht, schaut wahrscheinlich niemand mehr hinten nach. Und plötzlich sieht ein Produkt vorne aus wie ein Spaziergang durch einen Obstgarten und liest sich hinten wie ein kleiner Chemiekurs.
Dabei wäre Essen eigentlich ziemlich unkompliziert. Gemüse, Obst, Kartoffeln, Reis, Hülsenfrüchte, Eier, Naturjoghurt, Nüsse, Kräuter. Dinge, die man noch erkennt, bevor man sie auspackt. Ich habe selbst einen Garten und baue Gemüse an. Und vielleicht merke ich gerade deshalb immer wieder, wie herrlich unspektakulär eine Tomate sein kann. Kein Label. Kein Versprechen. Kein „jetzt noch besser“. Sie wächst, wird reif und schmeckt nach Tomate. Fertig.
Aber offenbar reicht „fertig“ heute nicht mehr. Joghurt muss nach Käsekuchen schmecken, Wasser braucht Geschmack und ein Snack soll gleichzeitig proteinreich, zuckerreduziert, ballaststoffreich und perfekt für meinen Lifestyle sein. Vielleicht möchte ich aber einfach eine Banane. Ohne Benefit. Ohne Boost. Ohne Konzept. Eine Banane, die sich seit Jahren tapfer weigert, eine Marketingabteilung einzustellen.
Wir sagen oft, gesunde Ernährung sei kompliziert. Vielleicht machen wir sie aber auch komplizierter, als sie sein müsste. Vielleicht muss nicht jede Mahlzeit berechnet, getrackt und in gut oder böse eingeteilt werden. Vielleicht reicht manchmal eine ziemlich einfache Frage: Erkenne ich eigentlich noch, was ich da esse?
Ein Apfel macht es einem angenehm leicht. Bei einer Paprika gibt es kein Kleingedrucktes. Und bei einer Kartoffel hat meines Wissens noch niemand über Nacht die Rezeptur geändert.
Vielleicht suchen wir ständig nach der nächsten Ernährungsinnovation und übersehen dabei Lebensmittel, die seit Ewigkeiten ziemlich gut funktionieren. Sie tragen kein goldenes Siegel, versprechen uns kein neues Leben bis Freitag und heißen auch nicht „Superfood“. Aber sie sind Essen.
Richtiges, simples Essen.
Und vielleicht brauchen wir manchmal gar keinen neuen Ernährungstrend, sondern einfach etwas weniger Verpackung und etwas mehr Inhalt.
Oder braucht Essen heute wirklich erst einen fetten „HIGH PROTEIN“-Aufdruck, damit wir ihm mehr zutrauen als einer ganz normalen Kartoffel?
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