STRESS. Wann wurde das eigentlich normal?

Veröffentlicht am 6. September 2026 um 10:00

Stress gehört für viele Menschen längst zum Alltag. Wir funktionieren, organisieren, optimieren – und merken manchmal erst spät, was unser Körper längst signalisiert. Doch wann wurde Stress eigentlich so normal? Eine ZwischenRaum-Kolumne über Zeitdruck, Körperwahrnehmung und die Frage, ob wir wirklich gelernt haben, mit Stress zu leben – oder nur länger zu funktionieren.

 

STRESS. Wann wurde das eigentlich normal?

Neulich stand ich an einer roten Ampel.

Vor mir Autos. Neben mir Autos. Hinter mir Autos.

Ich nahm einen Schluck von meinem Coffee-to-go und schaute aus dem Fenster.

Eigentlich hatte ich es nicht eilig.

Offenbar war ich damit ziemlich allein.

Der Mann im Auto neben mir trommelte ungeduldig auf seinem Lenkrad herum.

Eine Frau gestikulierte so energisch in ihre Freisprechanlage, dass ich kurz überlegte, ob ich inzwischen unfreiwillig Teil ihres Gesprächs geworden war.

Vor mir rollte ein Auto Zentimeter für Zentimeter nach vorne.

Als ließe sich eine rote Ampel mit genügend Willenskraft vielleicht doch noch umstimmen.

.....

Und dann kam der Fahrradfahrer.

Rechts vorbei. Zwischen zwei Autos hindurch. Noch schnell nach vorne.

Die Ampel war rot.

Für uns zumindest.

Für ihn schien sie eher eine unverbindliche Farbempfehlung zu sein.

Und weg war er.

Ich nahm noch einen Schluck Kaffee und musste grinsen.

 

Alle standen still. Und trotzdem hatte niemand Zeit.

Ist das hier eigentlich nur Verkehr – oder sehe ich gerade unser ganzes Leben in einer einzigen Ampelphase?

Wir versuchen, Stress zu reduzieren.

Wir lernen, mit ihm umzugehen.

Wir wollen belastbarer werden.

Aber vielleicht stellen wir die falsche Frage.

Was, wenn Stress längst nicht mehr die Ausnahme ist – sondern unser Alltag?

Und was, wenn wir nicht gelernt haben, besser damit umzugehen, sondern nur, länger zu funktionieren?

Genau diese Frage ließ mich nicht mehr los.

Denn wenn man sich umsieht, sind wir verdammt gut im Funktionieren geworden.

Müde? - Kaffee.

Keine Zeit zum Essen? - Dann unterwegs.

Keine Zeit für Freunde? - Nächste Woche.

Keine Zeit für uns selbst? - Am Wochenende.

Wochenende voll? - Dann im Urlaub.

Und wenn wir endlich im Urlaub angekommen sind, brauchen wir erst einmal drei Tage, um herunterzukommen.

Das nennen wir dann:

Erholung.

Gesundheit ist überhaupt erstaunlich anstrengend geworden.

Wir sollen ausreichend schlafen, gesund essen, genug Eiweiß zu uns nehmen, viel trinken, Muskeln aufbauen, 10.000 Schritte machen, Freunde treffen, weniger Bildschirmzeit haben, meditieren und natürlich Stress vermeiden.

Ich weiß nicht, wie dein Tag aussieht.

Aber meiner hat weiterhin nur 24 Stunden.

Und irgendwo zwischen Schritt 8.436 und dem proteinreichen Abendessen sollen wir dann bitte noch:

LOSLASSEN.

Möglichst entspannt natürlich.

Wir meditieren nicht einfach - Wir machen eine 21-Tage-Meditations-Challenge.

Wir gehen nicht spazieren - Wir machen unsere Schritte.

Wir schlafen nicht - Wir optimieren unseren Schlaf.

Und wir ruhen uns nicht aus - Wir betreiben Selfcare.

 

Offenbar können wir inzwischen sogar Nichtstun so lange optimieren, bis es wieder Arbeit ist.

Und falls wir uns nicht ausreichend entspannen?

Dann stresst uns eben die Tatsache, dass wir zu gestresst sind.

Das muss man auch erst einmal hinbekommen.

 

Besonders faszinierend finde ich unsere Beziehung zu Smartwatches.

Früher wachten wir morgens auf und dachten:

Ich bin müde.

Heute schauen wir aufs Handgelenk.

Interessant. Meine Uhr bestätigt: Ich bin müde.

Gut, dass das geklärt ist.

Wir wissen, wie lange wir geschlafen haben. Wie viele Schritte wir gegangen sind. Wie hoch unser Puls war.

 

Können wir unseren Körper inzwischen besser vermessen, als wir ihn noch spüren?

Vielleicht haben wir Gesundheit irgendwann mit Funktionieren verwechselt.

Solange wir morgens aufstehen, arbeiten, organisieren, einkaufen, Kinder versorgen und unsere Termine schaffen, denken wir:

Läuft doch.

Aber ist „Ich funktioniere“ wirklich dasselbe wie „Mir geht es gut“?

Ein Auto fährt schließlich auch noch eine ganze Weile mit leuchtender Warnlampe.

Niemand käme auf die Idee zu sagen:

„Ach, die gehört wahrscheinlich zur Innenbeleuchtung.“

Bei unserem eigenen Körper sind wir erstaunlich großzügig.

Müde? - Unpraktisch.

Verspannt? - Gerade keine Zeit.

Ruhebedürfnis? - Passt heute schlecht.

Erschöpft? - Dieses Wochenende ist leider schon voll.

Unser Körper hat offenbar den einzigen Kalender, in den wir nie hineinschauen.

 

Und wenn er sich trotzdem meldet?

Dann hätten wir gerne etwas, das möglichst schnell dafür sorgt, dass er wieder funktioniert.

Manchmal behandeln wir unseren Körper ein bisschen wie unser Smartphone.

Morgens bitte vollgeladen.

Den ganzen Tag einsatzbereit.

Möglichst keine Ausfälle.

Und wenn der Akku rot blinkt?

Schnellladen statt Steckdose.

Nur hat unser Körper leider keinen Knopf für „Energiesparmodus“.

Oder vielleicht doch.

Vielleicht zeigt er ihn uns nur anders:

Müdigkeit.

Verspannung.

Ruhebedürfnis.

Unruhe.

Erschöpfung.

Vielleicht drückt unser Körper längst auf:

„Bitte Pause.“

Und wir?

Wir drücken auf:

„Später erinnern.“

 

Bevor jetzt allerdings der Eindruck entsteht, ich hätte das alles längst durchschaut:

Natürlich nicht!

Ich saß schließlich selbst mit einem Coffee-to-go im Auto.

Meine Morgenroutine bestand an diesem Tag also eher aus Koffein als aus Achtsamkeit.

Ich ertappe mich genauso dabei, mehrere Dinge gleichzeitig erledigen zu wollen – und wundere mich anschließend, warum sich mein Kopf anfühlt, als hätte jemand 17 Tabs gleichzeitig geöffnet.

Offenbar sind nicht nur unsere Browser überfordert.

 

Vielleicht geht es deshalb gar nicht darum, plötzlich alles richtig zu machen.

Nicht darum, morgens um fünf aufzustehen, Zitronenwasser zu trinken, zu meditieren, Dankbarkeitstagebuch zu schreiben und anschließend vollkommen zentriert in den Sonnenaufgang zu blicken.

Ich persönlich wäre um fünf Uhr vermutlich hauptsächlich dankbar, wenn mich niemand anspricht.

Vielleicht geht es um etwas viel Banaleres:

Wieder zu bemerken, was wir längst für normal halten.

 

Wir reden heute viel über Resilienz.

Über Belastbarkeit.

Stressresistenz.

Darüber, wie wir mit immer mehr immer besser klarkommen können.

Und grundsätzlich ist daran nichts falsch.

Warum reden wir so häufig darüber, Menschen widerstandsfähiger zu machen – und so selten darüber, wogegen sie eigentlich ständig widerstandsfähig sein müssen?

Und ist die Antwort auf ein immer schnelleres Leben tatsächlich immer ein noch belastbarerer Mensch?

Vielleicht brauchen wir Strategien für Stress.

Natürlich.

Aber vielleicht brauchen wir mindestens genauso dringend den Mut, unseren Alltag selbst ein bisschen infrage zu stellen.

Muss ich sofort antworten?

Muss ich immer erreichbar sein?

Muss jede freie Minute einen Zweck haben?

Muss selbst meine Erholung produktiv sein?

Und seit wann muss eigentlich alles, was ich tue, etwas bringen?

 

Ich schaute wieder auf die Straße.

Der Fahrradfahrer war längst verschwunden.

Der Mann neben mir trommelte noch immer aufs Lenkrad.

Weiter hinten hupte jemand.

Die Ampel war vielleicht eine Minute rot.

Eine Minute.

Und trotzdem wirkte es, als hätte uns jemand gerade wertvolle Lebenszeit gestohlen.

 

Da dachte ich an all diese kleinen Momente:

Die rote Ampel.

Die Schlange beim Bäcker.

Fünf Minuten vor einem Termin.

Das Warten auf jemanden.

Der Moment, bevor das Essen kommt.

Früher waren das einfach Zwischenzeiten.

Heute sind es Gelegenheiten.

Noch schnell eine Nachricht.

Noch schnell eine Mail.

Noch schnell schauen.

Noch schnell erledigen.

Noch schnell.

 

Vielleicht sind genau das die Zwischenräume, die uns fehlen.

Nicht unbedingt die zwei Wochen Urlaub.

Nicht das Wellnesswochenende.

Sondern diese vollkommen unspektakulären Minuten, in denen einfach einmal nichts passiert.

Vielleicht entsteht Gesundheit nicht nur durch das, was wir unserem Leben hinzufügen.

Vielleicht manchmal auch durch das, was wir ihm nicht mehr zumuten.

Nicht noch eine Routine.

Nicht noch eine Challenge.

Vielleicht einfach ein bisschen weniger.

Denn vielleicht brauchen wir nicht noch mehr Strategien, um mit unserem Leben klarzukommen.

Vielleicht sollten wir uns gelegentlich fragen, warum wir ein Leben führen, für das wir so viele Strategien brauchen.

In diesem Moment sprang die Ampel auf Grün.

Sofort setzte sich alles wieder in Bewegung.

Autos rollten los.

Jemand wechselte noch schnell die Spur. 

Weiter hinten wurde bereits wieder gedrängelt.

Und natürlich fuhr auch ich weiter.

Mein Coffee-to-go stand neben mir.

Der Alltag wartete.

Aber eine Frage fuhr mit:

Wohin haben wir es eigentlich alle so eilig?

J. Rached

ZwischenRaum
Mehr, als dir erzählt wird.
Die Kolumne zwischen den Antworten.

 

 

 

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Kommentare

Helliy Bascharyar
Vor 16 Tage

Toller Beitrag