Außen hui. Innen egal.
ZwischenRaum – Die Kolumne zwischen den Antworten
Früher hat man aufgeräumt, wenn Besuch kam. Schuhe in den Schrank, Wäsche hinter die Tür, Krümel vom Sofa. Fertig war die perfekte Welt. Heute räumen wir gleich unser ganzes Leben auf. Die Wohnung makellos, die Beziehung traumhaft, die Kinder vorbildlich und beruflich läuft es natürlich fantastisch. Dass morgens noch die Fetzen geflogen sind? Geschenkt. Hauptsache, die Kissen liegen richtig. Und wehe, jemand setzt sich drauf.
Überhaupt sieht inzwischen erstaunlich vieles gleich aus. Beige Wohnzimmer, beige Kleidung, dieselben Möbel, dieselben Urlaubsbilder. Alle wollen einzigartig sein und bestellen ihre Individualität offenbar beim selben Händler. Dazu die passende Markentasche, die Sonnenbrille mit gut sichtbarem Logo und Schuhe, deren Preis man lieber nicht in Arbeitsstunden umrechnet. Wobei ich mich ernsthaft frage: Ist uns eigentlich klar, dass wir für Unternehmen freiwillig Werbung durch die Gegend tragen? Wir bezahlen ein kleines Vermögen dafür, als wandelnde Litfaßsäule herumzulaufen. Kein Gehalt, keine Provision, nicht einmal Weihnachtsgeld. Stattdessen bedanken wir uns noch, wenn wir das Logo endlich bezahlen dürfen. Man muss diese Geschäftsmodelle wirklich bewundern.
Und weil Besitz allein offenbar nicht mehr genügt, muss die Öffentlichkeit natürlich davon erfahren. Das neue Auto, der Restaurantbesuch, die Urlaubsreise, der Kindergeburtstag. Alles rein ins Internet. Möglichst in Echtzeit, mit Standort und passender Musik. Früher hat man Fremden nicht verraten, wann das Haus leer steht. Heute liefert man ihnen freiwillig einen bebilderten Reiseplan. Und nennt das Content. Besonders praktisch: Das Internet vergisst bekanntlich wenig. Wir dafür umso schneller, wer da eigentlich alles mitliest.
Manchmal frage ich mich, wann aus Erinnerungen eigentlich Werbematerial geworden ist. Das Essen wird kalt, weil erst fotografiert werden muss. Der Sonnenuntergang ist vorbei, während man noch den passenden Filter sucht. Und die Kinder dürfen irgendwann feststellen, dass ihre ersten Schritte, ihre Wutanfälle und ihre peinlichsten Momente längst ein Publikum hatten, bevor sie überhaupt wussten, was Privatsphäre bedeutet. Aber Hauptsache, Mama hatte Reichweite.
Und dann wundern wir uns, wenn andere über unser Leben urteilen. Über unsere Beziehung, unsere Kinder, unsere Einrichtung oder den letzten Urlaub. Natürlich geht niemanden unser Privatleben etwas an. Nur haben wir es vorher selbst ins Internet gestellt, mit Musik unterlegt und für möglichst viele Zuschauer freigegeben. Wir öffnen freiwillig die Haustür zur halben Welt und sind anschließend empört, dass jemand ins Wohnzimmer schaut. Und dort wartet natürlich schon die nächste Besonderheit unserer Zeit: Jeder hat eine andere Meinung darüber, wie man richtig lebt. Wie man Kinder erzieht, sich ernährt, arbeitet, liebt oder seine Freizeit verbringt. Besonders erstaunlich ist, wie viele Menschen ganz genau wissen, was für andere das Beste ist. Mit dem eigenen Leben ist man offenbar noch beschäftigt, aber für das der Nachbarn reicht die Expertise allemal. Natürlich rechtfertigt Öffentlichkeit keine Beleidigungen. Doch wer sein Leben zur Bühne macht, sollte damit rechnen, dass im Publikum nicht ausschließlich Fans sitzen.
Das eigentlich Interessante beginnt dort, wo die schönen Bilder aufhören. Denn wir haben uns angewöhnt, Menschen nach ihrer Verpackung zu beurteilen. Ein Blick auf Auto, Kleidung, Beruf oder Wohngegend, und das Urteil steht. Erfolgreich. Erfolglos. Wichtig. Unwichtig. Wir kennen weder ihre Geschichte noch ihren Charakter, aber immerhin den ungefähren Preis ihrer Handtasche. Für ein gesellschaftliches Gutachten scheint das inzwischen auszureichen.
Dabei reden wir pausenlos von inneren Werten. Ehrlichkeit, Respekt, Empathie, Toleranz. Alles großartige Eigenschaften. Besonders, wenn man sie als hübschen Spruch über ein Sonnenuntergangsfoto legt. Im echten Leben wird es dann komplizierter. Da soll der Mensch bitte ehrlich sein, aber nicht unangenehm. Individuell, aber nicht anders. Erfolgreich, aber bloß nicht eingebildet. Und authentisch? Unbedingt! Solange die Authentizität zum Gesamtbild passt.
Ein teurer Wagen verrät erstaunlich wenig darüber, ob sein Besitzer zuhören kann. Eine Designerküche sagt nichts darüber aus, ob sich die Menschen darin noch etwas zu sagen haben. Und ein perfektes Familienfoto beweist zunächst einmal nur, dass alle für ungefähr drei Sekunden in dieselbe Richtung geschaut haben. Trotzdem bewundern wir die Kulisse und vergessen, nach den Menschen zu fragen, die darin leben.
Natürlich darf jeder schöne Dinge mögen, sich etwas leisten und Erinnerungen teilen. Die Frage ist nur, wann aus Freude eine Vorführung geworden ist. Wann wir angefangen haben, unser Leben wie ein Schaufenster zu dekorieren, während uns der Mensch dahinter zunehmend egal wird. Vielleicht ist es ja auch einfacher, jemanden für seine Tasche zu bewundern, als sich tatsächlich für ihn zu interessieren. Eine Tasche stellt schließlich keine unbequemen Fragen.
Und so investieren wir weiter in das perfekte Außenbild. Neue Möbel, neue Kleidung, neue Bilder, neue Geschichten. Alles glänzt, alles passt, alles wunderbar. Nur die Dinge, die man nicht kaufen, fotografieren oder mit einem Logo versehen kann, geraten dabei erstaunlich leicht unter die Räder. Anstand. Nähe. Charakter. Echtes Interesse. Ziemlich unpraktische Eigenschaften. Die kann man nicht einmal ordentlich in einer Story verlinken.
Aber gut. Vielleicht bin ich einfach altmodisch. Vielleicht ist es heute tatsächlich wichtiger, Eindruck zu machen, als einen zu hinterlassen. Hauptsache, die Fassade steht, der Filter sitzt und das Logo ist groß genug.
Und irgendwo zwischen dem, was wir zeigen, und dem, was wir wirklich sind, bleibt im ZwischenRaum eine Frage:
Was bleibt eigentlich von uns übrig, wenn keiner mehr zuschaut?
J. Rached
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