ANTI-AGING & LONGEVITY – ALTERN VERBOTEN?

Veröffentlicht am 25. Oktober 2026 um 10:00

ZwischenRaum

Die Kolumne zwischen den Antworten

ANTI-AGING & LONGEVITY – ALTERN VERBOTEN?

Oder warum unser Geburtsdatum offenbar dringend behandelt werden muss.

Neulich habe ich festgestellt, dass Älterwerden für Frauen offenbar ein medizinisch-kosmetischer Notfall ist. Zumindest könnte man das glauben, wenn man sich durch die Drogerie bewegt. Anti-Falten. Anti-Aging. Anti-Müdigkeit. Anti-Pigmentflecken. Anti-Schwerkraft fehlt eigentlich nur noch. Offenbar hat unser Gesicht mit zunehmendem Alter die unangenehme Angewohnheit, unser Geburtsdatum zu verraten. Eine Frechheit! Schließlich geben wir uns seit Jahren größte Mühe, genau das zu verhindern. Da stehen wir völlig ahnungslos vor einem Regal mit Gesichtscremes und erfahren plötzlich, dass unsere Haut offenbar seit Jahren eine mittelschwere Krise durchlebt. Alles muss bekämpft, gestrafft, aufgepolstert und möglichst rückgängig gemacht werden. Ich warte auf den Tag, an dem auf einer Creme steht: „Für Frauen, die sich erdreisten, älter zu werden.“ Wahrscheinlich mit Hyaluron und einem kleinen Goldrand. Schließlich soll die Beleidigung wenigstens hochwertig aussehen. Besonders raffiniert: Wir bekommen inzwischen Probleme verkauft, die wir möglicherweise noch gar nicht haben, damit wir rechtzeitig Geld für die Lösung ausgeben können. Das ist kein Schönheitsregal. Das ist Zukunftsangst in hübschen Tiegeln.

Und überhaupt, seit wann ist Altern eigentlich eine Krankheit? Männer werden mit den Jahren markanter, Frauen bekommen eine neue Pflegeserie. Er bekommt Charakterfalten, sie eine Problemzone. Er trägt sein graues Haar mit Würde, sie bekommt eine kostenlose Farbberatung. Interessant. Bei Männern nennt man es Natürlichkeit. Bei Frauen offenbar Kontrollverlust. Und kaum haben wir gelernt, unsere Falten zu akzeptieren, kommt schon der nächste Trend um die Ecke: Longevity. Klingt wissenschaftlich, klingt exklusiv und vor allem klingt es teuer. Eigentlich geht es dabei um ein möglichst langes, gesundes Leben. Ein durchaus vernünftiger Gedanke. Nur hat die Vermarktung daraus stellenweise einen Wettbewerb gemacht, bei dem wir bitte biologisch jünger sein sollen als unser Personalausweis. Mit 50 aussehen wie 35, uns fühlen wie 25 und beruflich so leistungsfähig sein wie drei motivierte Praktikanten zusammen. Und selbstverständlich völlig entspannt. Schließlich macht Stress Falten. Ich frage mich manchmal, wann wir aufgehört haben, unser Leben zu leben, und angefangen haben, seine sichtbaren Spuren für einen Konstruktionsfehler zu halten. Wir wollen Erfahrungen sammeln, aber bitte ohne Gebrauchsspuren. Das muss man erst einmal hinbekommen.

Und dann wären da noch die sozialen Medien. Diese wunderbare Parallelwelt, in der Frauen morgens mit makelloser Haut aufwachen und mit 58 angeblich aussehen wie 23. Natürlich alles ganz natürlich. Nur ein bisschen Licht, ein winziger Filter und eine Kamera, die vermutlich mehr retuschiert als so mancher Schönheitschirurg. Dazu die passende Botschaft: „Liebe dich selbst, genau wie du bist.“ Direkt darunter der Rabattcode für ein Anti-Aging-Serum. Herrlich. Erst sollen wir uns akzeptieren, dann bekommen wir 20 Prozent Rabatt auf die Veränderung. Selbstliebe scheint inzwischen eine ziemlich lukrative Verkaufsstrategie zu sein. Man könnte fast meinen, eine zufriedene Frau wäre wirtschaftlich ein ausgesprochen schlechtes Geschäftsmodell. Denn wer mit sich zufrieden ist, lässt sich nun mal schwerer davon überzeugen, dass dringend etwas gestrafft, verjüngt oder optimiert werden muss.

Natürlich darf jede Frau Cremes benutzen, ihre Haare färben oder kosmetische Behandlungen in Anspruch nehmen. Wer Freude daran hat, soll das tun. Nur frage ich mich, wie viele dieser Entscheidungen tatsächlich aus Freude entstehen und wie viele aus dem Gefühl, mit dem eigenen Gesicht stimme langsam etwas nicht mehr. Wir sprechen ständig von starken, selbstbestimmten Frauen und erklären ihnen gleichzeitig, was sie an sich verbessern könnten. Die Haut zu müde. Die Augen zu faltig. Die Haare zu grau. Irgendetwas ist immer. Dabei ist unser Gesicht kein Renovierungsprojekt, das alle paar Jahre neu ausgeschrieben werden muss. Vielleicht wäre es sogar ausgesprochen revolutionär, einfach mal Geburtstag zu feiern, ohne anschließend eine neue Pflegeroutine zu beginnen. Und vielleicht dürfen wir sogar aufhören, so zu tun, als wäre jede Falte ein persönliches Versagen.

Was mich an diesem ganzen Anti-Aging-Zirkus am meisten amüsiert, ist das kleine Wort „Anti“. Wir sind also gegen das Altern. Gegen einen Vorgang, der untrennbar mit dem Leben verbunden ist. Eine ziemlich ambitionierte Kampfansage, wenn man bedenkt, dass bislang noch niemand die Zeit persönlich zur Vernunft bringen konnte. Aber vielleicht geht es bei all den Cremes, Filtern und Versprechen auch gar nicht darum, die Zeit aufzuhalten. Vielleicht geht es vielmehr darum, dass sich mit unserer Angst vor ihr hervorragend Geld verdienen lässt. Und während wir noch unser biologisches Alter berechnen, den nächsten Longevity-Trend ausprobieren und uns fragen, ob 50 wirklich das neue 40 ist, übersehen wir vielleicht etwas Entscheidendes: Wir verbringen erstaunlich viel Zeit damit, möglichst jung zu bleiben, statt die Jahre zu genießen, die wir tatsächlich haben.

Und da frage ich mich: Wenn wir alle möglichst lange leben wollen – warum haben wir dann eigentlich solche Angst davor, dabei älter zu werden?

 


 

J. Rached
Gesundheitspädagogin · Autorin · Kolumnistin
ZwischenRaum – Die Kolumne zwischen den Antworten
www.freiraumwoellstadt.de

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